Zeitblick / Das Online-Magazin der HillAc - 1. November 2008 - Nr. 31

In Hamburg

Nicht nur am Sandtorhafen


Kaimauer am Sandtorkai, Hamburgs älteste Kaimauer, 2002 denkmalgerecht restauriert.
Foto: HillAc, 22. Oktober 2008

Dockhäfen? Tideoffene Hafenbecken? Die Entscheidung für den Bau eines zur Elbe hin offenen, für Schiffe jederzeit zugänglichen Tidehafens in Hamburg, fiel am 26. März 1858. So zu lesen in der WELT ONLINE vom 16. März 2008. 1858 war Heinrich Hübbe noch Wasserbaudirektor in Hamburg. Doch Johannes Dalmann hatte dieses Amt bereits 1857 kommissarisch übernommen, bevor es ihm 1864 ganz übertragen wurde.


Ein Bildnis des Hafenbaudirektors J. Dalmann an einer der beiden Säulen, die
die Hammonia über dem Kamin im Phoenixsaal des Hamburger Rathauses
umrahmen. / Foto: HillAc, 7. März 2007

Der Hintergrund: Heinrich Hübbe, seit 1837 Nachfolger des Wasserbaudirektors Woltmann, hatte bereits 1845 zusammen mit den Ingenieuren William Lindley und James Walker einen Plan vorgelegt, nach dem sechs Dockhäfen auf dem Großen Grasbrook gebaut werden sollten. Hamburger Kaufleute und Reeder standen diesem Plan jedoch kritisch gegenüber. Johannes Dalmann wurde ihr Wortführer. Über viele Jahre hatte er die Strömungsverhältnisse der Elbe untersucht. Seine Ergebnisse veröffentlichte er 1856 in der Schrift „Ueber Stromcorrectionen im Fluthgebiet“. Damit lieferte er eine fundierte Begründung für den Bau offener Tidehäfen in Hamburg. Der Tidehub in Hamburg war im Vergleich zu London zu gering, so dass Dockhäfen mit all ihren Nachteilen nicht zu rechtfertigen waren.


Blick auf den Sandtorhafen am 25. März 2005 / Foto: HillAc


Blick von den Magellan-Terrassen auf den Sandtorhafen am 12. Oktober 2008 / Foto: HillAc

Seeschiffe sollten längsseits am Kai liegend abgefertigt werden können. Die Kaianlagen sollten mit dampfgetriebenen Kränen ausgestattet sein, so dass Waren von den Schiffen direkt in die Kaischuppen, auf Eisenbahnwaggons, auf Pferdefuhrwerke und Binnenschiffe transportiert werden konnten. So hatten es auch Lindley, Walker und Hübbe vorgedacht.

Dieses Konzept wurde zum ersten Mal mit dem „Sandthorhafen“ am Großen Grasbrook in Hamburg verwirklicht. 1866 feierten die Hamburger die Fertigstellung des Sandtorhafens und des Sandtorkais (das Nordufer des Sandtorhafens). Der Sandtorhafen wurde zum Prototyp für den weiteren Hafenausbau. Er ist das erste künstlich geschaffenen Hafenbecken Hamburgs.


Blick auf den Sandtorhafen, Standort: Sandtorhafen-Klappbrücke / Foto: HillAc, 17. April 2005


Blick auf den Sandtorhafen, Standort: Sandtorhafen-Klappbrücke / Foto: HillAc, 22. Oktober 2008

Erst mit dem Ende des klassischen Stückgutumschlags verlor der Sandtorhafen in den 1980er Jahren endgültig seine Bedeutung. Die letzten hölzernen Kaischuppen wurden 1984 abgebrochen. Die Kaiflächen verkamen zu Industriebrachen. Wer in die Vergangenheit schauen möchte, der kann dies im Museum für Hamburgische Geschichte tun. Dort ist ein für die Wiener Weltausstellung 1873 im Maßstab 1:200 gefertigtes Modell des Sandtorhafens zu sehen.

Der Sandtorhafen auf dem Großen Grasbrook gehört heute zum Gebiet der HafenCity, und so hat sich hier in den letzten Jahren vieles verändert. Dort, wo früher am Sandtorkai und am Kaiserkai (das Südufer des Sandtorhafens) Waren umgeschlagen wurden, stehen jetzt Häuser. Am Sandtorhafenkopf wurden im Juni 2005 die Magellan-Terrassen eröffnet.

Am 20. September 2008 wurde jetzt auch dem Hafenbecken eine neue Aufgabe zugewiesen, der Traditionsschiffhafen wurde feierlich eröffnet. Vor dem Nordufer des Sandtorhafens, von den Magellan-Terrassen bis zum Kehrwiedersteg, bilden acht Pontons eine 380 Meter lange schwimmende Promenade, die über drei historische Brücken zu erreichen ist, sie hebt und senkt sich mit den Gezeiten und bietet somit jederzeit einen direkten Zugang zum Wasser - ein offener Tidehafen.


Diese Brücke verbindet die Magellan-Terrassen mit dem Traditionsschiffhafen.
Foto: HillAc, 15. Oktober 2008


Kommst Du von der Straße mit dem Namen "Auf dem Sande", so führt Dich diese Brücke zum Traditionsschiffhafen. / Foto: HillAc, 15. Oktober 2008


Diese Brücke verbindet den Kehrwiedersteg mit dem Traditionsschiffhafen.
Foto: HillAc, 15. Oktober 2008

Der Traditionsschiffhafen im Sandtorhafen bietet Liegeplätze für historische Dampfer und Segler. Acht Dauerlieger und 20 Gastlieger sollen es laut Info-Tafel sein. Alles restaurierte und fahrtüchtige Schiffe. Auf den Pontons sind Plätze für Cafés, Kioske und Restaurants vorgesehen. Vorhanden sind bereits zwei Pavillons, einer für die Hafenmeisterei und der andere für sanitäre Anlagen. Am Kaiserkai steht ein restaurierter Stückgutkran. Zwei weitere sollen noch aufgestellt werden. Betreiberin des Traditionsschiffhafens ist die STIFTUNG HAMBURG MARITIM.

Laut Info-Tafel soll zu den Dauerliegern auch der Dampfeisbrecher Stettin gehören. Doch die Stettin war nur während der Eröffnungsfeierlichkeiten im Traditionsschiffhafen anwesend. Jetzt liegt sie wieder an ihrem angestammten Platz im Museumshafen Oevelgönne Neumühlen. Ich denke, dass sie dort auch bleiben sollte. Es ist ihr Platz.


Der Dampfeisbrecher STETTIN im Traditionsschiffhafen am 21. September 2008. / Foto: HillAc

Im Zeitblick Nr. 30 stellte ich J.G. Repsold, die Repsoldstraße und das Repsolddenkmal vor. Der Name Repsold ist jetzt auch im Traditionsschiffhafen vertreten, denn zu den Dauerliegern gehört die REPSOLD, ein ehemaliges Feurlöschboot, benannt nach dem Obersrpitzenmeister Johannes Georg Repsold.


Das Feuerlöschboot REPSOLD im Traditionsschiffhafen. / Foto: Hillac, 15. Oktober 2008

Über das Feuerlöschboot REPSOLD ist direkt am Liegeplatz zu lesen: "Um ausbrechende Großbrände auf Schiffen und im Hafen wirksam bekämpfen zu können, hielt die Hamburger Feuerwehr stets eine Reihe leistungsfähiger Löschboote in Bereitschaft. Diese Motor-Barkasse lief 1941 unter dem Namen FEUERLÖSCHBOOT IX vom Stapel, 1965 wurde sie in OBERSPRITZENMEISTER REPSOLD umbenannt. Johann Georg Repsold (1770-1830) war der Gründer der Hamburger Berufsfeuerwehr. Bis zu ihrer Ausmusterung 1984 war sie an allen Löscheinsätzen im Hamburger Hafen beteiligt. Auch danach wurde sie aufgrund der noch völlig intakten Pumpanlagen noch als Pumpschiff eingesetzt. 1987 erwarb eine Eignergemeinschaft das stillgelegte Schiff, taufte es um in REPSOLD und begann, es für ihre Zwecke umzubauen. Trotz des neuen Deckaufbaus achtern - ein Zugeständnis an die neue Nutzung - wurde Wert darauf gelegt, den Charakter des ehemaligen Feuerlöschboots zu erhalten."

Historische Schiffe sind an vielen Orten im Hamburger Hafen zu finden. Nicht alle, aber doch einige von ihnen werden ab jetzt im Traditionsschiffhafen einen Dauerliegeplatz finden. Dies sind Dampfer und Segler, die bisher weder im Museumshafen Oevelgönne, im Hafenmuseum oder an den Landungsbrücken ihr Zuhause hatten. Aber es sind noch nicht alle da.

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Die acht Pontons, die jetzt permanent im Sandtorhafen liegen und den Rahmen für den Traditionsschiffhafen bilden, haben einen Vorgänger, ein Ponton mit einer Installation der Künstlerinnen Julia Münz und Annika Unterburg, die im Rahmen des Projektes "Kreuzwege 2008" vom 2. März bis zum 6. April 2008 mit dem Titel "Wünsche versenken" im Sandtorhafen direkt vor den Magellan-Terrassen zu sehen war.


"Kreuzwege 2008", Station 8 im Sandtorhafen / Julia Münz und Annika Unterburg, "Wünsche versenken"
Foto: HillAc, 9. März 2008

Im September 2008 hatten die beiden Künstlerinnen bereits den Sprung über die Elbe gewagt. Mit einem Salto? In einem Sessellift? Vielleicht sogar in einem U-Boot? Wie auch immer - wohin? Auf den Kleinen Grasbrook. In der Pressemitteilung war zu lesen: "Das Büro Verborgenen Stätte präsentiert den Salto Vitale ins Visionary Veddel".

Und so war es. Das Immobilienbüro BÜRO VERBORGENE STÄTTE (BVS) präsentierte vom 31. August 2008 bis zum 28. September 2008 seine Exposés der aktuellen Angebote in einem Schaufenster direkt neben dem COSKUN-Supermarkt am Wilhelmsburger Platz. Jeweils sonntags von 15:00 bis 17:00 Uhr wurden Anlegern und zukünftigen Mietern die innovativen, ja visionären Bauten, in und um den Saalehafen herum vorgestellt. Da gab es z.B. die "Gezeiten Villa", die "Miss Elvira Stiftung", die "Moldau Elbnah", das "Baumhaus in Trauerweide", das "Ökonirwana", ein "Getürmtes Anwesen" und viele Objekte mehr.


Das BVS präsentiert PLAYA HAMBURGO, Stefanie Stolt (Julia Münz), Claudia Wischer (Karoline Berendsohn) und Verena Eckholt (Annika Unterburg) / Foto: HillAc, 14. September 2008

Die Interessenten wurden von der Schauspielerin und Clownin Karoline Berendsohn, als Maklerin Claudia Wischer, durch das Baugebiet an die reellen Orte der visionären Bauten geführt. Assistiert wurde "Frau Wischer" von Julia Münz (als Stefanie Stolt) und Annika Unterburg (als Verena Eckholt), die an ca. 15 Stationen die fantastischen Angebote des BVS präsentierten.

Eine bemerkenswerte Performance. In Hamburg, . . . da geht was !! Nicht nur am Sandtorhafen.

Das Fotoalbum zu diesem Projekt findest Du unter www.hillac.de/album/bvs/salto/salto.htm. Die Fotos wurden während der Rundgänge am 14. September und am 21. September 2008 gemacht. Die Videos wurden am 21. September aufgenommen.

Jesper Soerensen